Lisa Schlömer ist Gründerin des Start-ups „emiigo“. Als Suchmaschine für lokal verfügbare Produkte hat emiigo das Ziel, die Sortimente des lokalen Einzelhandels digital sichtbar zu machen, um Vor-Ort-Einkäufe gegenüber dem Online-Versandhandel zu stärken und dabei Lieferverkehr, Verpackungsmüll und unnötige Retouren zu reduzieren.

Als User Experience Consultant analysierte Lisa Nutzerbedürfnisse und User Journeys und entwickelte benutzerfreundliche Konzepte für überwiegend Kunden aus dem eCommerce. Nicht zuletzt durch ihre ehrenamtliche Arbeit beim ADFC und der Agora Köln rückten aber immer mehr Themen wie Verkehrsplanung, urbane Stadtentwicklung und nachhaltiger Konsum in den Fokus. Mittlerweile ist es ihr wichtig, ihre Kenntnisse im Bereich Prozessoptimierungen für einen nachhaltigen Impact einsetzen zu können.

Beim NachhaltigkeitsCamp 2020 wollte sie von den Teilnehmenden wissen, ob das Thema „Nachhaltiger Konsum“ nicht eher ein Paradoxon ist und wie nicht nur Einzelpersonen und Gesellschaft, sondern auch – oder vor allem – Unternehmen zu nachhaltigem Konsum beitragen können und sollten. Welche Ideen und Lösungen bedarf es, damit eine Wende gelingen kann?

Wie war es, letztes Jahr eine (digitale) Session zu geben?

Normalerweise beteilige ich mich lieber als Teilnehmerin an anderen spannenden Sessions, um neue Sichtweisen und Themen kennenlernen zu können, aber letztes Jahr habe ich mich ganz spontan dazu entschieden, selbst eine anzubieten und es hat tatsächlich ziemlich Spaß gemacht!

Seit ich mich mit der Thematik rund um unser Start-up emiigo beschäftige, bin ich ganz gespannt darauf, die Erfahrungen und Meinungen von anderen dazu zu erfahren. Nachhaltiger Konsum ist ein umfassendes Thema und die Teilnehmer:innen in der Session haben gezeigt, in welche unterschiedlichen Richtungen eine solche Diskussion verlaufen kann.

Ich denke, im Gegensatz zur Offline-Edition sind digitale Formate etwas schwieriger zu moderieren. In meinem Fall war die Session absichtlich sehr offen angelegt, weshalb ein lebhafter und guter Austausch stattgefunden hat.

Welche Ideen oder Anreize hast du aus dem Camp mitgenommen?

Ich finde es toll, durch die Erfahrungen anderer noch mehr über den Tellerrand gucken und dazulernen zu können. Es ist so spannend zu sehen, an welchen Themen und Lösungen die Leute bereits arbeiten, wo die Motivation liegt, Dinge anzupacken und verändern zu wollen, und welche Ideen auf dem Camp entstehen können.

Da es als Barcamp ein grundsätzlich offener Austausch ist und keine Themen vorab ausgeschlossen werden, entsteht durch den Verlauf der Sessions und Gespräche immer der Schwerpunkt, den genau diese Gruppenkonstellation für relevant hält.

Ich nehme für mich die Bestätigung mit: Wir sollten definitiv auch im Kleinen anfangen, Dinge ins Positive zu verändern, aber nie außer Acht lassen – sondern sich im Gegenteil bewusst machen –, dass andere Bereiche des Lebens dadurch ebenfalls verändert oder berührt werden und welche das sind.

Wie hat das Jahr 2020 deinen Konsum verändert? Wie ist dein derzeitiger Eindruck vom Konsum insgesamt?

Mein Konsum ändert sich bereits seit mehreren Jahren dahingehend, dass ich persönlich für ein Produkt, welches bereits irgendwo in meiner Nähe (in der Millionenstadt Köln!) im Regal liegt, nicht einen weiteren LKW über hunderte Kilometer auf die Straße schicken möchte. Auch achte ich bei der Auswahl mittlerweile auf eine möglichst nachhaltige Variante.

Es ist aber schwer, ein vorher feststehendes Produkt im Einzelhandel zu finden. Letztes Jahr wurde dies zusätzlich dadurch erschwert, dass der lokale Einzelhandel lange Zeit geschlossen war und der Onlinehandel seine Chance gesehen hat.

Durch viele Gespräche und Umfragen zeichnet sich ebenfalls ab, dass viele nicht gern online bestellt haben. Außerdem wurde vielen Menschen bewusst, welche Rolle der Handel für die Nachbarschaft, lebenswerte Städte und die Gesellschaft allgemein spielt. Und wie sehr man das Geschäft um die Ecke plötzlich vermisst hat, seitdem es geschlossen war.

Die Entwicklungen im letzten Jahr haben mich also nochmal darin bestärkt, die Idee mit emiigo fortzuführen, da viele Menschen vor dem gleichen Problem stehen und emiigo genau dafür eine ganzheitliche und nachhaltige Lösung anbietet.

Du hast deine Plattform „emiigo“ vorgestellt – wofür ist sie gedacht und wie weit bist du mit der Entwicklung vorangeschritten?

Das NachhaltigkeitsCamp fand zu der Zeit statt, in der ich mich gerade dazu entschieden habe, das Vorhaben tatsächlich in die Tat umzusetzen. Vor einem Jahr gab es noch keinen Namen und ich war noch dabei, die Funktionsweise und Ausrichtung zu formen sowie eine genauere Marktanalyse durchzuführen.

emiigo ist eine Online-Suchmaschine für die Produkte in den Geschäften in der Nähe. Der mittlerweile gewohnte Komfort des Onlinehandels wird auf den Einzelhandel übertragen: Wie in einem gewöhnlichen Onlineshop kann man auch abends auf dem Sofa entweder gezielt etwa nach einer bestimmten Druckerpatrone suchen oder einfach allgemein nach zum Beispiel blauen nachhaltigen Sommerkleidern in den Geschäften in der Umgebung schauen.

Der Fokus liegt dabei nicht auf dem Versand, sondern emiigo zeigt die Geschäfte im gewählten Umkreis mit entsprechender Verfügbarkeit über eine Kartendarstellung an. Damit kann entweder der Besuch des Geschäfts leichter in den eigenen Alltag angepasst werden, man kann das Produkt vorab reservieren oder doch per Lastenfahrrad und in reusable packaging liefern lassen – dann aber über viel kürzere Wege als beim Versand durch den Onlinehandel.

Ziel von emiigo ist es, einen Teil zu nachhaltigerem Konsum beitragen zu können. Statt Konsum allerdings anzuregen, möchten wir ihn zunächst in Richtung Einzelhandel bewegen („wenn Konsum, dann lokal“), wodurch weitere Vorteile für Handel und Kommunen entstehen – Win-win also. Für die Zukunft können wir uns vorstellen, auch bezüglich nachhaltiger Produkte und Lieferketten etwas lenken zu können.

Wir sind mittlerweile ein Gründer-Team und aktuell in der Entwicklung der Basis-Plattform, mit der wir noch in diesem Jahr in die Beta-Phase starten.

Was wünschst du dir in Bezug auf Nachhaltigkeit für die nächsten vier Jahre?

Ich wünsche mir, dass Konsum viel bewusster und gezielter passiert. Konsum an sich ist zunächst nichts Schlechtes. Jedoch sind Retouren, doppelter Lasten- und Lieferverkehr, Überproduktion, Müll und Vernichtung von (Neu-)Ware vermeidbar, ohne dass unser Komfort direkt eingeschränkt wird. Insgesamt lässt sich also durch gezielteren Konsum CO2-Ausstoß verringern und urbane Optimierungen erreichen.

Dabei sollte es nicht immer nur Aufgabe der Endkund:innen sein, eine nachhaltige Entscheidung treffen zu müssen, denn oftmals ist eine Abwägung ohne umfassendes Wissen einfach nicht möglich.

Ich wünsche mir daher von Seiten der Politik, dass soziale und nachhaltige Herstellung gefördert wird sowie auch Vorgaben für Lieferketten gemacht werden, sodass die Entscheidung für nachhaltige Produkte nicht nur eine Frage des Geldbeutels bleibt, sondern für alle Personen in unserer Gesellschaft zur Normalität wird.

 

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